• Jale

Über das Stark-Sein und die Bedeutung wahrer Stärke



Ich bin ein Zwillingskind. Schon seit ich denken kann wurden meine Zwillingsschwester und ich in Kategorien gesteckt:


Die Schöne, die Schlaue. Die Dünne, die Dicke. Die Brave, die Zicke. Die Laute, die Stille. Die Freche, die Liebe.


So wurde mir von Anfang an von meinem Umfeld eingetrichtert, dass ich dominant bin, dass ich laut bin und dass ich stark und robust bin. Gerade die Ähnlichkeit zu meiner Mama, die mir zugeschrieben wurde, bestärkte mich darin, dass ich immer stark sein muss, damit ich liebenswürdig bin. Ich erhoffte mir dadurch, dass ich keine Schwäche zeigte, von meiner Mama Anerkennung zu erhalten.


Gefühle zeigen war falsch. Wenn ich lachte, hieß es: Du bist zu laut. Wenn ich weinte, hieß es: Du bist zu laut. Wenn ich wieder einmal drauflos erzählte, hieß es: Du bist zu laut, zu nervig, zu einnehmend.


Was wurde aus mir? Im Laufe meiner späteren Kindheit wurde ich immer stiller und stiller, zog mich zurück. In der Schule konnte ich noch sein, wie ich wollte. Doch es allen anderen recht zu machen, wurde mir zur höchsten Maxime. Ich wollte nicht mehr nerven, nicht mehr laut sein, nicht mehr einnehmend und einengend sein. Ich wollte geliebt und gemocht werden und der Weg hieß: Sei das, was andere von dir erwarten.


Ich entwickelte einen ganz ungesunden Perfektionismus, wodurch ich mir in erster Linie selbst das Leben zur Hölle machte.


Heute nach gut 2 Jahren Persönlichkeitsentwicklung erkämpfe ich mir mein Kindheitsrecht, laut zu sein, anzuecken und mich selbst so auszudrücken, wie ich es möchte, mit allen Mitteln zurück. Noch immer halte ich mich zurück in gewissen Situationen, habe Angst, dass ich den Erwartungen anderer nicht gerecht werde. Und das Schlimmste: Noch immer habe ich unendliche Angst davor, meine Gefühle zu zeigen und zu äußern, vor allem diejenigen, die mich in meiner Verletzlichkeit zeigen.

Mir geht es hier nicht um Schuldzuweisungen. Ich möchte kein Mitleid. Ich weiß, dass wir uns alle diese Geschichten erzählen, dass wir nicht gut genug sind. Wir glauben, dass wir die anderen glücklich machen müssen, um geliebt zu werden. Dass wir uns anpassen müssen und mit dem Strom schwimmen.


Ich akzeptiere, dass mir die Erwartungen von Außen zeigen sollten, dass ich noch nicht gelernt habe, zu hundert Prozent zu mir zu stehen. Das möchte ich nun ändern.


Ich möchte mich hiermit selbst committen:

Ich DARF Gefühle zeigen. Ich DARF verletzlich sein. Ich DARF Schwäche zeigen. Ich DARF Fehler machen. Ich DARF kindisch und albern sein. Ich DARF meine Meinung sagen. Ich DARF so laut lachen, wie ich will. Ich DARF ich sein.



Wahre Stärke bedeutet nicht, nach außen stark und unerschütterlich zu tun, um andere zu beeindrucken. Wahre Stärke ist im Gegenteil, authentisch zu sein, mutig genug zu sein, dich selbst genauso zu zeigen, wie du wirklich bist. Dich selbst zu lieben, für all das, was du bist.


Du wirst nicht geliebt, für die Dinge, die du versuchst zu sein: Du wirst geliebt für dein authentisches Wesen.



Bist du authentisch? Oder lebst du noch die Erwartungen der anderen?


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© Jale Pakhuylu, 2020 

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