• Jale

Generation Y (not?!)


Wir sind die Generation Y.

Wir stehen auf der Wiese des Lebens, sollen unsere Blumen pflücken. Einen personalisierten Blumenstrauß zusammenstellen, individuell, einzigartig, perfekt. In dieser unendlichen Fülle stehen wir wie angewurzelt, ohnmächtig in unserer eigenen Überforderung. Wir haben von klein auf gelernt, uns eine Blumensorte auszuwählen. Unser Blumenstrauß soll homogen sein. Tulpe oder Rose? Beides geht nicht. Keine wilden Gräser, alles glatt und gestriegelt. Wer zuerst kommt, mahlt zu erst. Wem der Luxus gegönnt wird, früh genug zu wählen, steht vor der Qual der Wahl: „Woher weiß ich denn, welche Blume mir entspricht?“ Wir schauen nach rechts und links. „Welchen Strauß haben meine Eltern? Welchen meine Freunde?“ Wir erhaschen einen Blick auf den Strauß von Menschen, die auf einer weit entfernten Stelle der Wiese suchen. „Das, was dort hinten blüht, passt nicht zu dir!‘ ermahnt das Ego auf der Stelle. So stehen wir da, Jahre lang, manchmal Jahrzehnte. Wir wissen nicht, was zu uns passt. Was wir können. Was wir wollen. Getreu dem Motto „den Letzten beißen die Hunde“ reißen wir uns letztlich auf dem Spielfeld des Lebens um die Blumen, die wir in die Finger kriegen. Suchen uns irgendwann einfach irgendeine aus… Hauptsache man steht nicht mit leeren Händen da. Eines Tages, wenn unser Blumenstrauß kaum mehr Beachtung von uns erhält, zu wenig Wasser bekommt, in einer zu kleinen Vase vor sich hinvegetiert, verändert sich etwas. Die Blüten welken, verlieren ihren Glanz, ihre Farbe. Der Strauß, der von uns ab dem Moment, wo er wie selbstverständlich auf unserem Küchentisch steht, keines Blickes mehr gewürdigt wird, erregt wieder unsere Aufmerksamkeit. Irgendetwas ist anders, aber was? Benennen können wir es nicht, es ist eher ein ungreifbares Gefühl, das sich in der Bauchgegend meldet. Auch dieses Gefühl nehmen wir wie selbstverständlich hin, schlucken es hinunter und versuchen zur Gewohnheit zurückzufinden. Unsere innere Stimme flüstert uns geduldig Tag für Tag zu, dass etwas nicht stimmt. Versuchen wir uns weiter abzulenken, macht sie sich im Körper breit. Klopft in der Magengegend oder an den Schläfen an, hält uns nachts liebevoll vom Schlaf ab, indem sie mit unseren Gedanken Karussell fährt. Die Hoffnung gibt sie nicht auf. Wenn wir Glück haben, kommt der Moment, indem wir das Flüstern erkennen. Hören wir genau hin, stellen wir fest, dass diese Stimme uns regelrecht anbrüllt, unsere Zellen zum Beben bringt mit ihrer Bitte, einmal genauer hinzusehen. Allmählich nehmen wir unseren Mut zusammen, setzen die Brille auf und betrachten Blüte um Blüte, Blatt um Blatt.




Ich glaube, wir sind nicht die Generation Y: Wir sind die Generation Y I can‘t. Unsere Gedanken kreisen vom Kindesalter an um die Frage, warum wir etwas nicht können. Warum bin ich nicht gut genug? Warum sollte ich lieber Sicherheit wählen? Warum sollte ich lieber kontrollieren, anstatt zu vertrauen? Warum ist es besser, in seiner Komfortzone zu bleiben? Warum sollte ich lieber auf andere hören als auf mich? Der Schritt von der 'Generation Y I can‘t' zur 'Generation Y not?!' ist dabei das Ziel für jeden von uns. Eines Tages innehalten, dem Ego einen Tritt in den Hintern verpassen und sich fragen: Warum eigentlich nicht? Warum sollte ich nicht die buntesten Blumen zusammenpacken und nach Lust und Laune immer mal wieder welche ergänzen, austauschen? Warum sollte ich nicht das Risiko wählen, ins kalte Wasser springen? Warum eigentlich nicht mal auf die Erwartungen der anderen pfeifen und die Lautstärke der inneren Stimme auf Maximum stellen? Wenn du erkennst, dass alle Blumen zu deinen werden können, erkennst du dich. Dann erkennst du, wer du wirklich bist.

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© Jale Pakhuylu, 2020 

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